Ein cineastisches Spektakel. „Ödipus und Antigone“ nach Sophokles am Maxim-Gorki-Theater

Die Theaterkritik als Erfahrungsbericht von Jonathan Karim.

Ersan Mondtag wurde 1987 in Berlin geboren, gilt als der neue Hoffnungsschimmer der deutschen Theaterlandschaft und ist dieses Jahr zum zweiten Mal in Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden.  Sein Handwerk hat sich Mondtag neben seiner Zeit an der Otto-Falkenberg-Schule in München vor allem durch seine Hospitanzen unter Thomas Langhoff, Frank Castorf und Claus Peymann und einer Assistenz unter Vegard Vinge angeeignet.  Diese Prägungen schimmern in der Inszenierung durch.

Die Fachzeitschrift Theater heute zeichnete ihn für seine Produktion „Tyrannis“ als Kostümbildner, Nachwuchsregisseur und Nachwuchsbühnenbildner des Jahres 2016 aus.  Die Theater reißen sich um den Berliner, der zurzeit am Thalia Theater Hamburg, am Berliner Ensemble, am Theater Bern, an den Münchnern Kammerspielen und am Maxim-Gorki-Theater inszeniert.  Zu seinen Tätigkeitsfeldern zählen Theater, Musik, Performance und Installationen.

Die Premiere der neuen Produktion von Mondtag mit Titel „Ödipus und Antigone“ fand am 17. Februar 2017 am Maxim-Gorki-Theater statt. Es ist festzuhalten, dass meine hier entwickelte Kritik sich nicht auf die Premiere des Stücks bezieht, sondern auf eine Aufführung dieser Inszenierung an einem späteren Zeitpunkt, nämlich dem 8. Dezember 2017. Die hier entwickelte Kritik wird meine subjektive Erfahrung widerspiegeln.

Der kalte Einstieg

Einige Zuschauer suchen noch ihren Sitzplatz, andere sprechen noch mit ihren Sitznachbarn. Der Raum ist noch sehr hell, denn das Licht hat sich seit dem Einlass nicht geändert. Von der rechten Seite tritt eine Figur in Stöckelschuhen, weißen Leggins und einer grauen Bomberjacke auf. Die Bühne ist noch geschlossen, eine schwarze Wand, dient als Bühnenvorhang und verbirgt das eigentliche Bühnenbild vor den Blicken der Zuschauer. Nachdem die beschriebene Person langsamen Schrittes die Bühnenmitte erreicht, wird es im Zuschauerraum still. Jede Bewegung wird wahrgenommen. Die Figur verlässt die Bühne zur linken Seite, blickt nach einer kurzen Pause in das Publikum, zieht sich die Bomberjacke zurecht und stöckelt langsamen Schrittes von links nach rechts. Diesmal bleibt sie in der Mitte der Bühne stehen, dreht sich mit dem Körper zum Zuschauerraum und geht langsam auf diesen zu. Nun beginnt sie zu sprechen, verhaspelt sich, sagt den Text falsch auf und wird von einer Stimme aus dem Off korrigiert. Die Off-Stimme tritt nun auf die Bühne. Beide beginnen miteinander zu streiten. Die zwei Personen sind Orit Nahmias und Yousef Sweid. Die Konversation dreht sich darum, wer von den beiden eigentlich Eteokles und Polyneikes verkörpern soll. Doch die Auseinandersetzung geht weiter. Sie entwickelt  sich  zu  einem  moralisch-ideologischem  Machtkampf,  der  sich  nicht  nur  auf  die Figurenbesetzung und die Schauspielerleistung des anderen bezieht, sondern breitet sich auf das Theaterhaus in seiner gesellschaftlichen Bedeutung und Ansehen sowie dem Umgang von Nationalität und Gender aus. Natürlich könne Orit Nahmias als Frau Eteokles verkörpern, wir seien ja schließlich im Maxim-Gorki-Theater, sagt sie zu ihrem männlichen Kollegen und blickt dabei ins Publikum. Dennoch findet sich kein gemeinsamer Nenner. Uneinig treten beide Darsteller von der Bühne, ohne die Figurenbesetzung festgelegt zu haben.

Während dieser Diskussion wird das Licht gedämmt, sodass nach dem Abgang beider Darsteller der Raum für einen kurzen Moment in vollkommener Dunkelheit verharrt. Die Bühne öffnet sich, indem die schwarze Wand nach oben fährt. Wir sehen mehrere Personen mit Fackeln in der Hand auf der Bühne stehen. Nun beginnt die eigentliche Erzählung der Ödipus-Mythologie nach Sophokles mit einem Funken Aischylos und vor allem nach der Interpretation von Ersan Mondtag und seinem Team.

Die Freiheit des Regisseurs

Die Inszenierung bedient sich nicht allein der Thebanischen Trilogie von Sophokles (König Ödipus, Ödipus auf Kolonos und Antigone), sondern verleibt sich unteranderem das verbleibende Stück Sieben gegen Theben von Aischylos ein. Die Tragödien biegt sich Mondtag so zurecht, dass die eigentliche Tragik der Stücke, die Komik seiner Inszenierung bildet. Einer Art der Komik, die sich aus Selbstironie, Übertreibungen und gezielten Brüchen der vierten Wand sowie verschiedenen Verfremdungseffekten zusammensetzt. Die Erzählungen werden nach dem belieben von Mondtag und Aljoscha Begrich verbunden und inszeniert. So wird aus der Tragödien-Trilogie, die mit dem Nicht-Entrinnen von Ödipus vor seinem eigenen Schicksal beginnt und mit dem Widerstand Antigones gegen die Willkür des neuen Königs Kreon endet, ein grotesk-komödiantischer Abend mit leichten Horror- und Musicalelemente, der zirka neunzig Minuten andauert.

Die Änderungen von Mondtag verleihen seiner Produktion „Ödipus und Antigone“ neue ästhetische und politische Potenziale, sodass die Inszenierung eine Qualität und Komplexität erlangt, die zum Großteil die Brillanz und das Talent Mondtags widerspiegelt, aber dennoch mit kleinen Schwächen behaftet ist.

Ein bisschen Film im Theater gefällig?

In den anderen Kritiken zu „Ödipus und Antigone“ finden sich verschiedene Vergleiche und Verweise zum Medium Film. Die Namen der großen Filmemacher wie Hitchcock oder David Lynch dienen als Referenz,  um  die  Inszenierung  für  den  Leser  greifbarer  zu  gestalten.   Diese  Vergleiche  sind angemessen, denn sie markieren und charakterisieren die neueProduktion  Mondtags. Das Zusammenspiel von akustischen und visuellen Inszenierungselementen des Theaters prägen diesen Eindruck. Die Komposition der einzelnen Elemente, wie die Beleuchtung, die Akustik, das Bühnenbild und die Schauspielerei, verleihen der Inszenierung eine individuelle Rhythmik. Diese verändern sich im Laufe der Aufführung und finden auf verschiedenen ästhetischen Ebenen ihre Ausdruckskraft.

Die Beleuchtung etabliert ein dynamisches Lichtspiel, das während der Aufführung eine Selbständigkeit erlangt, in enger Verbindung zur Akustik steht und der Verfremdung im Theater dient. Mithilfe des Lichtes  werden  die  verschiedenen  Ebenen  der  Bühne  unterschiedlich  beleuchtet,  sodass  der Raumeindruck  sowie  ihre  Wirkung  sich  stetig  ändern.  Die  verschiedenen  Figuren  werden  mit unterschiedlichen Beleuchtungsstrategien charakterisiert und markiert. Die Figuren orientieren sich in ihrem Agieren an der Beleuchtung und spielen mit dieser auf humoristischer Art. So passt Ödipus (Benny Claessens) seine Position und Haltung an das Licht an, liegend am vorderen Bereich der Bühne, wälzt sich dieser, um im Rampenlicht den sehr langen Tod zu erleiden. Währenddessen fährt dieses Rampenlicht mithilfe einer Seiltechnik hinunter, sodass es im Blickfeld des Zuschauers ist. Dem wird wieder einmal verdeutlicht, dass er im Theater ist.

Die Musik könnte aus einem Film stammen, denn sie greift die Atmosphäre auf. Ein sanfter Hauch der Dystopie, welcher die Gebrechlichkeit der Figuren auf der akustischen Ebene aufgreift. Zudem ahmt der Sound Umgebungsgeräusch nach. Auf diese Weise weht akustisch ein kühler Wind von den Lautsprechern in den Zuschauerraum. Ebenfalls wird ein Gewitter mit dem passenden Donner in Form einer audiovisuellen Komposition inszeniert.

Zwischen Slapstick und Freakshow

Die Figuren sind dehumanisiert. Lediglich Abbilder einer menschlichen Existenz, denen das Lebendige entwichen ist. Eine leicht nach vorn gebeugte Körperhaltung, graue Perücken, durch Narben gerunzelte Gesichter, einheitlich violette Ganzkörperanzüge und rosafarbige Überwürfe vervollständigen den zerbrechlichen und entmenschlichten Ausdruck der Figuren. Das Schauspiel ist ein eigenartiges und groteskes Zusammenspiel verschiedener Dynamiken. Die Darstellung des einzelnen Schauspielers sowie sein Agieren mit den Kollegen auf der Bühne und vor der Bühne siedelt sich zwischen Slapstick und Freak Show an.

Mit gezielten Ausbrüchen in ihrer Darstellung werden zwei Extrema gebildet. Das eine Extremum bilden die kurzen und langsamen Schritte, mit denen sie sich nur minimalistisch über die Bühne bewegen sowie die großen, runden und ovalen Gesten. Dem gegenüber bilden schnelle sowie gezielte Bewegungen das andere Extremum. Zwischenzeitlich wird auch im normalen Bewegungstempo agiert.  Diese Form von Wechselbeziehungen finden sich auf der rhetorischen Ebene wider. Die Stimme wurde differenziell eingesetzt, je nach dem Gemütszustand der Figur werden einige Worte langgezogen, während andere klar und deutlich ausgesprochen werden.  Auf diese Weise wird durch das Schauspiel verschiedene Dynamiken und Spannungen etabliert, die sich auf die Narration und Dramaturgie auswirken. Die dramaturgischen Pausen, die Momente der Ruhe und Stille, dienen dazu die Spannung zu neutralisieren. Es werden Minuten des Stillstands geschaffen, als Kreon,  der  neue  König,  in  das  Haus  tritt,  welches  langsam  vom  Bühnenhintergrund  in  den Bühnenvordergrund rollt. Wie später Claessens offenbart, ist es keine Magie, sondern die in schwarzer Kleidung umhüllten Bühnenassistenten, die das Bühnenteil verschieben. Die Figuren verharren in ihren Positionen, als würden sie nun eine Pause machen. Währenddessen nimmt Ödipus einige Züge von seiner  E-Zigarette.  Die  Zuschauer  genießsen  die  Momente  der  Entspannung,  denn  auch  im Zuschauerraum herrscht nun Stillstand und Stille, erwartungsvoll wird auf den nächsten Lachanfall gewartet.

Es ist ein harmonisches Zusammenspiel der Schauspieler, die sich feindlich gesinnte Figuren darstellen. Es ist diese Art des Zusammenspiels, der Reichtum an Variationen und das Agieren mit dem Publikum, welches die Zuschauer in den grotesken Bann der Aufführung zieht.

Der etwas andere Ödipus

Besonders ist Benny Claessens als Ödipus hervorzuheben. Sein Ödipus ist eine Diva und Rampensau, die das Schicksal für minutenlange Selbstinszenierungen ausnutzt. Der schon vorher erwähnte Tod von Ödipus dauet zirka fünf Minuten an. Während er sich im Rampenlicht qualvoll herumwälzt, steigt er über die Treppen in den Zuschauerraum. Drückt sich gegen eine Wand, wirft sich auf den Boden und presst ächzende Töne von sich. Zwischendurch korrigiert er seine Perücke, die verrutscht ist. Fragt eine Zuschauerin, ob er sie umarmen darf. Sie umarmen sich. Daraufhin rennt er auf die andere Seite des Parketts. Dort wiederholt er dasselbe Spiel, mit dem Unterschied, dass er keine Zuschauerin umarmt, sondern mit einem Glass Apfelschorle auf die Bühne zurückkehrt. Gerne hätte dieser Weinschorle getrunken, jedoch darf er es aus Versicherungsgründen nicht. Das teilt er den Zuschauern mit. Wieder auf der Bühne, wälzt er sich am Boden. Zur Überraschung aller liegt Ödipus regungslos und perfekt ausgeleuchtet am Boden. Die anderen Figuren betrachten dieses Spektakel still aus dem hinteren Bereich der Bühne. Sofort applaudieren die Zuschauer, die nicht aufhören können zu lachen. Ödipus erwacht aus seiner Regungslosigkeit und ruft; „Nein. Hört auf. Nicht dafür!“ und wirft sich wieder regungslos auf den Boden. Der Applaus geht weiter.

Für einen kurzen Moment ändert sich die Raumkonstellation. Die vierte Wand wird durchbrochen und der Zuschauerraum entwickelt sich zur Bühne. Die anderen Darsteller waren nun die Beobachter, die nun still in den Zuschauerraum blickten und das Spektakel genossen. Benny Claessens agierte nun mit dem Publikum.

Kein Palast, sondern eine Hausfassade

Das Bühnenbild entstand in der Zusammenarbeit von Julian Wolf Eicke und Thomas Bo Nilsson und ist farblich an die Kostüme der Schauspieler angepasst. Auf der linken Bühnenseite führt eine rote Treppe zu einer höhergelegenen Ebene auf der ein kleines weißes Häuschen steht, das die Vorderseite eines weißen Sarges ist. Unter diesem weißen Sarg steht eine weiße Hausfassade mit einer kleinen Terrasse. Man kann durch die Fensterscheiben der Fassade blicken. Das Bühnenbild steht auf einer Drehbühne und erfährt so im Laufe des Abends eine Bewegung. Das Bühnenbild wird sich während der Aufführung ändern, das Innere dieses Hauses wird ersichtlich. Es besteht aus zwei an der Wand befestigte Sitzbänken und der ganze Innenraum ist mit schwarzen Fließen bedeckt.

Zwischen Verstehen und Nicht-Verstehen

Die Sprache bewegt sich in der Sphäre des Verstehens und Nicht-Verstehens. Es wird auf Englisch und Deutsch gesprochen, zu diesen finden sich ebenfalls Übersetzungen, die Links und Rechts als Übertitel eingeblendet werden.

Immer wieder geraten Orit Nahmias und Yousef Sweid in Streitigkeiten auf Ivrit und Arabisch. Beide haben ihre Schauspielausbildung in Tel Aviv absolviert. Diese inszenierten Streitigkeiten erfahren keine Übersetzung und verweisen dennoch auf die politische Auseinandersetzung in Bezug des Nahost-Konflikts. Dennoch sind diese Verweise zu kurzatmig und geraten durch das Humoristische in eine Einbahnstraße der Nichtigkeit.

Keine Antigone und kein Chor

In „Ödipus und Antigone“ nimmt letztere eine besondere Funktion an. Die, die sich dem Willen des Königs Kreon widersetzt, erfährt keine Verkörperung. Als ein im Raum schwebendes Phantom ist sie das Böse und die Hoffnung zugleich. Sie macht sich das Freddy-Krüger-Lied zu eigen und soll die verbliebenden Menschen erlösen, doch ist auch der Mensch monströs, wie es Sophokles und Mondtag verdeutlichen.  Der  Chor  findet  lediglich  in  eingespielten  Tonaufnahmen  seinen  Weg  in  den Zuschauerraum.

Es lässt sich zusammenfassen, dass Mondtag am Maxim-Gorki-Theater mit „Ödipus und Antigone“ eine technische und ästhetische hoch komplexe Inszenierung geschaffen hat, die sich als eine Art Hybrid irgendwo zwischen Theater und Film einordnen lässt. Er zeigt, dass er sein künstlerisches Handwerk versteht und dennoch ist diese Produktion von einer Art des Überschusses geprägt, sodass die politischen Referenzen durch den Humor in das Ausdruckslose, wenn nicht sogar in das Bedeutungslose schwinden.

Es ist ein Stück der virtuosen Unterhaltung, die zum bedingungslosen Lachen auffordert, jedoch nicht zum Nachdenken anregt. Man kann nur sehnsuchtsvoll auf die kommenden Produktionen des jungen und vielseitigen Hoffnungsschimmers der Theaterlandschaft warten und hoffen, dass diese ein strikteres Kalkül annehmen werden, sodass unter seinen Händen das Theater sein vollkommenes Potenzial erlangen wird.

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Wenn die Wahrheit zum Akt des Widerstandes wird.

Eine Rezension zu TWO & TWO: Babak Anvari, Vereinigtes Königreich (2011), 8 Min.

Von Jonathan Karim

„In a time of universal deceit, telling the truth is a revolutionary act. “- George Orwell

Bildquelle: http://www.imdb.com/title/tt1701187/mediaviewer/rm2608798976

Mit seinem ersten Spielfilm UNDER THE SHADOW machte Babak Anvari vor drei Jahren die internationale Filmlandschaft auf sich aufmerksam. Er stellte seine filmische Genialität zur Schau, indem er mit seinem Debütfilm einen intelligenten Genre-Hybriden erschuf, der die Elemente des Horror- und Antikriegsfilms in sich aufnahm. Diese Rezension soll wie ein Blick oder eine Reise in die Vergangenheit sein. Nicht in das Jahr 2016, sondern ein bisschen weiter. Nämlich in das Jahr 2011, indem der Kurzfilm TWO & TWO von Anvari seine Premiere feierte.

Um Punkt Nullachthundert Uhr teilt die unbestimmbare Stimme des Schuldirektors durch die Lautsprecher mit, dass einige Änderungen an der Schule getätigt werden, die von den Lehrern an die Schüler unterrichtet werden sollen. Eine kleine Änderung, die sich dem rational-logischen und auf Erfahrung stützenden Denken entzieht. 2+2=5, schreibt der Lehrer an die Tafel und fordert die Schüler auf, das Geschriebene in das Notizbuch zu kopieren und lautstark in Form des einheitlichen sowie chorischen Rufens zu wiederholen. Ein einzelner Schüler übt den Widerstand gegenüber dieser willkürlichen und irrationalen Veränderung aus, mit fatalen Folgen.

Vor Unterrichtsbeginn unterhalten sich die in weißen Hemden und schwarzer Hose uniformierten Schüler. Dieser erste lockere und gängige Eindruck wird gebrochen, denn das Klassenzimmer wirkt nicht gerade einladend. Es ist das Gegenteil: trist, grau und dreckig. Zudem prägt der Lehrer durch sein plötzliches Eintreten und der darauffolgenden sofort-herrschenden Stillen im Raum eine Bedrücktheit. Die identisch uniformierten Schüler, die vorher noch mit ihrem Sitznachbarn redeten, erweckend den Eindruck kleiner militaristischer Diener. Sie stehen stramm und aufrecht, die Hände nahe am Körper und dies mucksmäuschenstill. Es wird klar, was von den Schülern gefordert wird, nämlich vollkommene Aufmerksamkeit, totaler Gehorsam und das Aufgeben des selbständigen Denkens.

Teacher: You have been told that two plus two is five.

You will not question this. Do you understand?

Pupil: Yes Sir, I just thought…

Teacher: Don`t think. You don’t need to think. […]

Die zwei kleinen Fenster an der oberen linken Wand lassen nur wenig Licht in den Raum scheinen. Es verstärkt den Eindruck der Enge und der Gefangenschaft der Schüler. Die Akustik beschränkt sich bis zum Abspann lediglich auf Raumgeräusche und die auf persisch geführten Dialoge. Doch kreiert eben das Fehlen jeglichen musikalischen Sounds eine Leere sowie eine Direktheit, die in kurzzeitigen erschreckenden Ausbrüche einen Höhepunkt erlebt. Die Genialität dieses Kurzfilms liegt nicht zuletzt in dem transmedialen Verweis zu George Orwells Meisterwerk „1984“, sondern in seiner filmischen Inszenierung des hoffnungslos erscheinenden Widerstandes gegen willkürliche Staatsmacht, die hier auf den Konflikt zwischen Lehrer und Schüler transportiert wird. Manchmal wird eben die Wahrheit selbst zum revolutionären Akt. Dieses Werk markiert die Virtuosität Anvaris auf künstlerischer Ebene eine politische und soziale Kritik zu äußern, indem er alltäglichen Szenarien umformt und diese mit schockierenden Horror- sowie Thriller-Elementen verbindet.

Konnte ich dein Interesse am Film wecken, wenn es so sein sollte, habe ich eine gute Nachricht. Anvari hat den Film online gestellt und unter folgendem Link ist er legal und kostenfrei zu sehen: https://vimeo.com/20364634

Sollte dir diese kleine Rezension gefallen haben, so würde ich mich über ein Feedback deinerseits freuen. Bloß keine Scheu.

Ein kurzer Abend mit immenser Schlagkraft.

„Die Frauen vom Meer“ von Olga Bach nach Henrik Ibsen am RambaZamba Theater.
Die Theaterkritik als ein Erfahrungsbericht von Jonathan Karim.
Erstellt am: 15.04.2018, Berlin.

Das Theater unter dem Schirm der Freiheit

Auf der Schönhauser Alle, zwischen Tanzschule, Kino und anderen Veranstaltungsräumen, hinter einer roten Backsteinfassade mit zwei großen Glastüren, befindet sich das Theater RambaZamba im denkmalgeschützten Baukomplex der Kulturbrauerei. Seit dem letzten Jahr ist Jacob Höhne der künstlerische Leiter des mehrfach prämierten Theaters, dessen diesjährige Spielzeit sich dem Thema der Freiheit widmet. In dieser Spielzeit von 2017/2018 feiert das Stück „Die Frauen vom Meer“ von Olga Bach, die 2017 zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres gekrönt wurde, die Uraufführung am RambaZamba Theater unter der Regie von Lilja Rupprecht. Es war die erste Inszenierung am berühmten inklusiven Theater, die ich besuchte. Infolgedessen war es weniger eine bestimmte Erwartung, die mich zum Besuch verleitete, sondern ein neugieriges Interesse. Nun möchte ich meine Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an diesem mit Theaterabend des 05.April 2018 machte, zusammenfassen.

Gefangen in den Sehnsüchten

Eine Frau steht aufrecht auf einem Felsen an der Meeresküste und blickt frei auf das Meer. Vor ihren Augen schlagen die stürmischen Wellen an die Felsenküste. Dieses handgefertigte Bild ziert den seidenen Vorhang der Bühne, durch welchen der Zuschauer die Schauspieler vor Beginn der Aufführung betrachten kann. Die Figuren stehen still und warten auf den Beginn der Aufführung. Die konzentrierte Anspannung ist an ihren Gesichtern erkennbar. Das Licht wird bis zur vollkommenen Dunkelheit gedämmt. Ein Gedicht von Elizabeth Borchers wird chorisch aufgesagt. Daraufhin wird der Vorhang vom toten und sich im weißen Anzug fortbewegenden Geist des Dr. Wangel (Joachim Neumann) heruntergezogen. Die geschlossene Welt auf der Bühne öffnet sich dem Zuschauer, durch die Hände und Handlungen der Figuren. Die Figuren bestimmen das Tempo der Aufführung, nachdem der Vorhang gefallen ist.

Die Aufführung entpuppt sich schnell als eine psychologische, philosophische und poetische Komplexität, die die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers einfordert und durch intermediale Referenzen soziale Diskurse anregt. Die innerliche Gefangenschaft, die reale Lebensmonotonie und der Wunsch nach einem Ausbruch in die Freiheit werden auf die verschiedenen ästhetischen Ebenen und Formen übertragen.

Das Haus der Familie Wangel erinnert an eine Rehabilitationsklinik. In der Mitte der Bühne befindet sich ein Metallbecken mit schwarzen Ascheflocken. Ein vollkommen mit Fließen bestückter Gang an denen durchsichtigen Vorhänge befestigt wurden, steht jeweils auf dem linken und rechten Außenbereich der Bühne. Im hinteren Bereich wurde eine veränderte Fassung des Porträts „Der Mönch vom Meer“ von Caspar David Friedrich an die Wand befestigt, das später zum mystischen Portal wird. Anstelle des Mönches ist eine Frau auf dem Porträt zu sehen. Die hintere Wand ist bis zur Mitte mit weißen Fließen bestückt und wird unteranderem als Leinwand von der todkranken Lyngstrand (Zora Schemm) genutzt.

Zwischen Sehnsucht, Sorgen und Sagen

Das narrative Zentrum dieser Aufführung bilden die Frauen. Alle sind von Sehnsüchten nach einem sorgenlosen, menschlichen und liebevollen Leben geplagt. Niemand kann sich von dem Einfluss der Männer entziehen. Die gebrochene und kränkliche Ellida (Angela Winkler) wird vom Geist des Dr. Wangels heimgesucht, an dessen Tod sie eine Mitschuld trägt. Bolette (Juliana Götze) löst sich vom Bann ihres Mannes Arnholm (Aaron Smith), aber ist dennoch an ihn gebunden und Udine (Hieu Pham) wird zum Menschen, um sofort einem Mann zu verfallen. Auch wird Hilde (Nele Winkler) mit ihrer Lyngstrand sich dem tragischen Schicksal nicht entziehen können. Die Frauen in diesem Stück können sich trotz ihrer Taten nicht vollkommen emanzipieren und verharren als Schatten ihrer selbst auf der Bühne. Dagegen werden die Männerfiguren in diesem Stück als nervige Besserwisser inszeniert, denen es an emotionaler und dramatischer Tiefe fehlt. Einerseits sind sie das Gegenstück zu den Frauen und andererseits vervollkommnen diese jene Frauen, die an ihre Wünsche und Sehnsüchte gefesselt sind.

Die anfängliche Lebensfreude der Figuren erlischt und die Sorgen sowie die sehnsüchtige Melancholie verharren im Raum. Diese tragische Wendung wird farblich in der Inszenierung aufgegriffen. Die wenigen kontrastreichen Kostüme werden im Laufe der Handlung durch Schwarz und Weiß ersetzt. Hier ist besonders die Erscheinung der Ellida hervorzuheben. Sie trägt ihren schwarzen Anzug, der sie als die trauernde Witwe präsentiert. Es stellt sich lediglich die Frage, ob sie um ihren verstorbenen Ehemann Dr. Wangel trauert oder um die noch nicht errungene Freiheit. Die anderen Frauenfiguren in diesem Stück orientieren sich im Verlauf der Handlung an die farbliche Komposition der einzelnen Szenen. Das Schwarz markiert die trauernden Lebenden und das Weiß die friedlosen Geister.

Doch auch abseits der Kostümierung wird dieses ästhetische Motiv von Schwarz-Weiß in der Lichtinszenierung aufgegriffen. Zu Anfang der Aufführung werden die dramatischen Exzesse durch eine farbliche Dominante von Rot- und Blautönen inszeniert, welche im Verlauf der Handlung einer kontrastreichen Lichtkomposition weichen. So ersetzt die kalte Ernsthaftigkeit und das hoffnungslose Tragische die anfängliche Situationskomik der Aufführung. Ebenfalls vermischen sich Diesseits und Jenseits zu einer untrennbaren Ganzheit, sodass der Zuschauer in einigen Szenen hilflos das Spektakel vor seinen Augen mitverfolgen muss.

Dennoch ist die hervorragende Arbeit der Schauspieler zu erwähnen und zu würdigen. Der zentrale und prägende Stellenwert der Schauspieler ist in der Inszenierung vom Beginn bis zum Ende erkenntlich. Trotz der manchmal unverständlichen Aussprache, die in dieser Hinsicht kein Negativpunkt darstellt, wurde erkenntlich, dass die Schauspieler prägend in der Dynamik und Dramaturgie sowie des ganzen Abends waren. Mit jedem gesprochenem Wort und mit jeder noch so kleinen Handlungsgeste legten die Darsteller das Tempo fest. Ein Auf und Ab in der Dynamik. Einerseits bietet die Aufführung Momente der absoluten Ruhe, andererseits Phasen der explodierenden Ekstase. Es ist die sehr stark körperbetonte Darstellung, die die emotionale Intensität der verschiedenen Figuren und der Szenen offenbart.

Es war eines der wenigen Aufführungen, in denen ich den Raum und die Zeit um mich herum vergessen und mich nur auf das Bühnengeschehen konzentrieren konnte. So ist es eine Tragik in sich, dass die Aufführung knapp eine Stunde füllt und sich noch kürzer anfühlt. Jedoch ist dies meiner Ansicht nach ein Zeichen für einen hervorragenden Abend, da es das Team und Ensemble um Lilja Rupprecht schaffte eine eigene Welt auf der Bühne zu kreieren, in die man eintauchen und sich gar verlieren konnte.

 Frei nach dem Klassiker von Henrik Ibsen

Olga Bach orientiert sich bei ihrem Werk frei nach dem Theaterstück von Henrik Ibsen. Es ist gleichzeitig eine Adaption und Fortsetzung des Klassikers. Bach eignet sich die Geschichte an, distanziert sich von Ibsen und kreiert etwas Eigenes und Unerkenntliches, das mit der einzigartigen Darstellungskunst des RambaZamba Theaters harmoniert. Auf der Bühne ist eine intermediale und köperbetonte Inszenierung zu betrachten, die sich den Motiven der Sehnsucht und dem Wunsch nach endgültiger Freiheit und freien Entscheidungsgewalt der Frau auf tragischer, unheimlicher und mystischer Weise nährt. Der Humor von Ibsen wird bei Bach und Rupprecht reduziert. An die Stelle des hoffnungsvoll-glücklichen Endes bei Ibsen, steht bei der Inszenierung der Horror und die Tragik der psychischen und physischen Gefangenschaft der Frauen sowie die aus der Tiefe des Herzens stammenden und nicht enden wollende Sehnsucht nach emanzipierter Freiheit im Vordergrund.

Die Aufführung sticht durch ihre intermedialen Referenzen und multimedialen Einsätze heraus. Der Mythos um die Frau vom Meer wird nicht nur durch die Töchter des Doktors pluralisiert, sondern durch die Erzählung der Robbenmenschen gänzlich bis zur Vergessenheit ersetzt. Außerdem wird in der Aufführung zur Kamera und zum Mikrofon gegriffen, um die psychedelischen sowie gleichzeitig gruseligen Ausbrüche auf der Bühne zu inszenieren. Infolgedessen kreiert das Team und das Ensemble des RambaZamba Theaters unter der Regie von Lilja Rupprecht eine Inszenierung, die mehr als konventionelles Theater ist. Sie greifen auf die ästhetischen Formen einer Installation und Performance zurück, mischen dies alles mit dem Konventionellem und ermöglichen auf diese Weise dem Zuschauer ein einmaliges Erlebnis.